In Davos...

zwischen den laken

Die Fahrt mit dem Hotellift gleicht einer Zeitreise in ein vergangenes Jahrzehnt, wo die mit Teppich ausgekleideten Gänge erdrückend bordeauxrot erscheinen, jedes Zimmer ein Abbild des anderen ist aber trotzdem jedes einzelne seine Geschichte erzählt – hätte man nur genug Fantasie. Natercia hilft meiner Fantasie auf die Sprünge. Ihr Name riecht nach Blumen. Ihr Lächeln ist ein Versprechen für Herzlichkeit, ihre Hände sind Beweisstücke ihres Schaffens, aufgeraut und älter als der Rest ihres Körpers. Ihre Sprache verstehe ich genauso wenig wie sie meine. Sie ist Portugiesin. Ich nicht. Trotzdem schaffen wir es, uns mit Hand, Fuss, Kauderwelsch und Zeichen zu verständigen. Zweimal klopfen reicht, bevor sie ihren Generalschlüssel ins Schloss steckt und entschlossen nach rechts dreht. Zimmer 602 offenbart sein Innerstes. Meine Nase muss sich kurz daran gewöhnen. Meine Augen auch. Natercia bemerkt meine Skepsis gegenüber 602, erlöst mich, indem Sie als erstes das Fenster öffnet. Wie nett, denke ich. Sie lächelt. Ich auch. "Etwas schmutzig", lamentiert sie und sucht die Worte: "In Sommer oft viel alte Gast ohne Duschgel". Ich lache und schaue die hohe Hotelfassade rauf und runter. Ich kann nur erahnen, wie viele Hotelzimmer hier unzähligen Gästen ein kurzzeitiges Daheim bieten. Natercias Hände hingegen greifen gekonnt ins zerknautschte Duvet, aus dem sie die letzten Schlafläuse schüttelt, um es danach anmutig in Form zu streiche(l)n. Ich setze mich auf den Stuhl, um ihr nicht im Weg zu stehen und uneingeschränkten Blick auf ihr Treiben zu haben. Die kühlnasse Davoser Bergluft breitet sich langsam aus und macht der schlechten Luft den Garaus. Es ist Sommer, eigentlich. Doch die Einzigen, die heute warm orangen strahlen, sind Natercia und die Badezimmerfliesen im unverkennbaren 70er-Jahre-Look. Jeder ihrer routinierten Handgriffe sitzt. Fast anmutig bewegt sie sich in einem Theaterstück, das sie schon tausend Mal gespielt hat – und nicht müde davon ist. Flink ordnet sie Zimmer 602: Vorhänge ziehen. Pyjamas in Form legen. Badehäubchen ersetzen. Schuhlöffel, Kugelschreiber, TV-Programm und Hotelpantoffeln in Position bringen. Das Badezimmer sprayt und schäumt sie dann mit pinkfarbenen und blauen Putzmitteln ein. Sie schrubbt es blitz und blank. "Giftig, stark Putzmittel", hüstelt sie, tatsächlich, ich muss niesen, grad dreimal. Ich mache mich kurz aus dem Staub, gönne meinen Atemwegen eine Verschnaufpause. "Ah, hallo, sie schreiben über unsere Zimmerdamen…, aber nur Gutes, gell?", übertönt der adrette Herr am Ende des Ganges seinen Staubsauger. Costa, der serbische Portier, nähert sich. "Wissen sie, seit bald 30 Jahren bin ich hier, schaue zum Rechten und ärgere die Zimmerdamen." Nicht zur die Zimmerdamen, denke ich, ein Schlawiner ist er. Aber ein ganz netter. Natercia streckt ihren Kopf aus der Türe, zwinkert mir zu – wir verstehen uns. Die Arbeit ist anstrengend, der Zeitdruck so gross wie meine Bewunderung dafür. Jedes Zimmer erhält rund 20 Minuten ihrer uneingeschränkten Aufmerksamkeit; und zurück kommt nicht halb so viel und noch weniger Trinkgeld. Und wenn die Gäste vom reichhaltigen Frühstücken zurück kehren, treffen sie nichts als ein sauber aufgeräumtes Zimmer an. Bald fahre ich in die Ferien – mit einem ganz anderen Bewusstsein.

by Schlossberg Switzerland.


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Kommentare: 1
  • #1

    Buford Fulgham (Samstag, 04 Februar 2017 10:14)


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